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11. KAPITEL

Besteht das dritte
Geheimnis aus zwei Texten?

       Trotz ihres Versuches, das Buch von Fatima zu schliessen, war die Allianz von Sodano, Ratzinger und Bertone mit ihrer Pressekonferenz von 26. Juni 2000 nicht erfolgreich. Informierte Katholiken in der ganzen Welt konnten sich damit nicht abfinden, dass eine wortlose und obskure Vision von einem Papst in Weiss das ganze Geheimnis, dass der Vatikan so lange verschlossen gehalten hatte sein könnte.

       Der beste Zeuge für die Behauptung, dass da etwas fehlen könnte, war ironischerweise Kardinal Ratzinger selbst in seinem bereits zitierten Interview 1984 in Jesus. Was war denn mit der “religiösen Prophezeiung,” wie er das damals genannt hatte, bezüglich “der Gefahren für den Glauben und das Leben der Christen und damit der ganzen Welt.” Wie steht es mit seinem Hinweis auf die anderen marianischen Erscheinungen, einschliesslich dessen was wir von Fatima selbst schon wissen? Nichts in der veröffentlichten Vision entspricht dem, was die Muttergottes in anderen Erscheinungen gesagt hatte, denn in dieser Vision sagt sie nichts! Und wenn wie Kardinal Ratzinger nun behauptete, der Bischof in Weiss Johannes Paulus II., 1981 dem Tode entronnen, war, wieso sagte er dann 1984 nichts davon und erklärte das Geheimnis als erfüllt!

       Der unausweichliche Schluss für viele völlig loyale Katholiken war, dass es da ein weiteres Dokument mit dieser Vision geben musste. Möglicherweise kam das der Höhepunkt des Peinlichen am 16. Mai 2001, fast ein Jahr nach der “Fatima ist vorbei”-Pressekonferenz. An diesem Tag brachte der TV-Star Mutter Angelica - die eine treue Verteidigerin der römischen Kurie ist - in ihrer Live-Show den gesunden Menschenverstand von Millionen von Katholiken zum Ausdruck:

       Was das Geheimnis angeht, nun ich bin zufällig eines der Individuen die glauben, wir haben da nicht alles erhalten. Ich hab's euch gesagt! Ich meine, Sie haben das Recht auf Ihre eigene Meinung, nicht wahr Hochwürden? So, da, das ist meine Meinung. Denn ich glaube, es ist erschreckend. Und ich glaube nicht, dass der Heilige Stuhl etwas sagen wird was nicht geschehen wird, was geschehen könnte. Und dann was tut er, wenn es nicht geschieht? Ich meine der Heilige Stuhl kann es sich nicht leisten, Prophezeiungen zu machen.280

       Die Frage, die wir uns in diesem Kapitel stellen müssen, ist ob das dritte Geheimnis in dem einzelnen Dokument, dass im Juni 2000 veröffentlicht wurde enthalten ist, oder ob es da zwei Dokumente gibt, die veröffentlichte Vision und ein Blatt Papier, das die Worte der Gottesmutter enthält, die die Vision erklären.

       Die Existenz zweier Dokumente - ein auf einem einzelnen Blatt Papier niedergeschriebener Brief, der zusammen mit dem Notizbuch, das die Vision enthält, dem Bischof überreicht worden war - wird durch die verschiedenen Zeugen, einschliesslich Schwester Lucia plausibel.281

       Es gibt tatsächlich zwei Originaldokumente von Schwester Lucia, die zum dritten Geheimnis gehören und die beide im Vatikan angekommen sind.

       Die folgende Tabelle zeigt elf verschiedene Fakten, die auf die Existenz zweier Dokumente hinweisen. Wir müssen gleich darauf hinweisen, dass es dennoch nicht ausgeschlossen ist, dass der Text in dem Umschlag verloren gegangen ist, zerstört wurde oder auch so nie veröffentlicht werden wird.

  Text no. 1, von mehreren Zeugen erwähnt.
Text no. 2, am 26. Juni 2000 veröffentlicht.
1. Der Text enthält die Worte der Muttergottes. Der Text enthält keine Worte der Muttergottes.
2. Der Text wurde am 16. April 1957 dem Heilige Offizium überreicht. Der Text wurde am 4. April 1957 dem Heiligen Offizium überreicht.
3. Er ist auf einem einzigen Blatt Papier niedergeschrieben. Er ist auf vier Blatt Papier niedergeschrieben.
4. Er enthält etwa 25 Zeilen. Er enthält etwa 62 Zeilen.
5. Der Text war am 9. Jänner 1944 bereit. Der Text war am 3. Jänner 1944 bereit.
6. Johannes Paulus II. las den Text 1978. Johannes Paulus II. las den Text am 18. Juli 1981.
7. Johannes Paulus II. konsekrierte die Welt an 7. Juni 1981, bevor er den vierseitigen Text las. Der Text wurde vor der Weltweihe 1981 nicht gelesen.
8. Der Text ist in Form eines Briefes mit Unterschrift und Adresse geschrieben. Nur als Eintrag in das Tagebuch verfasst.
9. Er wurde in der päpstlichen Wohnung aufbewahrt. Er wurde im Heiligen Offizium aufbewahrt.
10. Das einzelne Blatt Papier hat ungefähr 7-8 Millimeter Ränder. Die vier Blatt Papier haben keinen Rand.
11. Er erklärt die Vision. Er beschreibt die Vision.

1. Text no. 1 enthält die Worte der Gottesmutter.

       Im sechsten Kapitel haben wir die Ankündigung des Vatikan vom 8. Februar 1960 (die in einer Mitteilung der portugiesischen Nachrichtenagentur, A.N.I. aufschien) betreffs der Unterdrückung des Geheimnisses zitiert, wo die Worte der Muttergottes erwähnt werden.

       Wir haben auch das Zeugnis von Schwester Lucia, dass das dritte Geheimnis die eigentlichen Worte der Muttergottes enthält und nicht nur eine wortlose Vision:

       In ihrer dritten Erinnerung von Juli-August 1941 begnügte sich Schwester Lucia damit, die Existenz eines dritten Teiles des Geheimnisses zu erwähnen, hatte aber noch nichts darüber gesgt. Ein paar Monate später in ihrer vierten Erinnerung, zwischen Oktober und Dezember 1941 niedergeschrieben, entschied sie sich mehr zu schreiben. Sie kopierte fast wortwörtlich den Text der dritten Erinnerung, aber mit der Hinzufügung eines weiteren Satzes nach den letzten Worten “...und eine bestimmte Periode des Friedens wird der Welt gewährt werden”: “Em Portugal se conservara sempre o dogma da fe etc.”... 1943, als Bischof da Silva ihr aufgetragen hatte, den Text niederzuschreiben und sie vor unüberwindlichen Hindernissen stand, diesem Befehl zu folgen, erklärte sie tatsächlich, das es absolut nicht nötig wäre, das zu tun, denn sie hätte es auf eine bestimmte Weise ausgesprochen. Ganz offensichtlich bezog sich Schwester Lucia auf die zehn Wörter, die sie im Dezember 1941 diskret dem Text des grossen Geheimnisses hinzugefügt hatte - aber so diskret hinzugefügt, dass sie fast niemand bemerkte.282

       Es ist sehr bezeichnend, dass diese diskret hinzugefügten Worte genau diejenigen sind, die BF vermeiden will, indem sie in einer Fussnote verschwinden, als ob sie ohne Konsequenz wären und indem man sich auf die dritte Erinnerung verlässt, die diese Worte noch nicht enthält.

       Warum wählten Sodano, Ratzinger und Bertone die dritte Erinnerung, wenn die vierte doch einen komplexeren Text enthält? Man kann nur den Schluss ziehen, dass die Phrase, die sie sosehr vermeiden wollten, wirklich die Pforte in das dritte Geheimnis ist und sie nicht wollten, dass man darüber zu viele Fragen stellt.

       Der Rest des Geheimnisses, der dem “etc.” folgt, wurde nicht in die vierte Erinnerung mit hineingenommen, sondern in den hier diskutierten im dritten Geheimnis noch fehlenden Text.

       Tatsächlich verabsäumen die Autoren von BF es zu erwähnen, das nach dem “etc.” folgt: “Erzähl das niemandem. Ja, du kannst es Francisco sagen.” Wenn sich dieses “das” nur darauf bezieht, dass das Dogma in Portugal erhalten bleiben wird, dann hätte die Muttergottes die Kinder wohl kaum aufgefordert dieses himmlische Kompliment den Portugiesen vorzuenthalten. Entsprechend bezieht sich dieses “das” auf die Tatsache, dass das Dogma des Glaubens an anderen Orten nicht erhalten bleiben würde, wohl an vielen anderen Orten. Genau diesen Schluss wollten die Autoren von BF vermeiden, indem sie die Schlüsselphrase in einer Fussnote verbergen.

       Diese Tatsachen beweisen, dass es zwei Dokumente geben muss, eins das die Worte der Muttergottes enthält, das andere mit der Vision der Kinder.

2. Die verschiedenen Daten der Überreichung:

       Am 16. April 1957 im Vatikan angekommen, wurde das Geheimnis von Pius XII. zweifellos in seinem Schreibtisch in einer kleinen Holzschatulle mit der Inschrift Secretum Sancti Officii (Geheimnis des Hl. Offiziums) eingeschlossen.283.

       BF aber stellt fest, dass das Originalmanuskript von Schwester Lucia am 4. April 1957 in das Heilige Offizium überbracht worden war: “Der versiegelte Umschlag wurde zunächst vom Bischof von Leiria aufbewahrt. Um das ‘Geheimnis’ besser zu schützen, wurde der Umschlag am 4. April 1957 dem Geheimarchiv des Heiligen Offiziums übergeben.”

       Dieser Unterschied in den Daten unterstützt die Schlussfolgerung, dass es zwei Texte gibt. Das Dokument mit der Vision wurde am 4. April 1957 dem Heiligen Offizium übergeben, das mit dem Text der Worte der Muttergottes im päpstlichen Apartement, als einem Teil des Heiligen Offiziums am 16. April 1957 eingeschlossen.

3. Text no. 1 steht auf einem einzigen Blatt Papier.

       Kardinal Ottaviani bezeugte am 11. Februar 1967 anlässlich einer Pressekonferenz während eines Treffens in der Päpstlichen Marianischen Akademie in Rom:

       Und dann, was tat sie [Lucia] um der seligsten Jungfrau zu gehorchen? Sie schrieb auf ein Blatt Papier, auf Portugiesisch, was die heilige Jungfrau ihr aufgetragen hatte mitzuteilen.284 Ich, der ich die Gnade und das Geschenk erhielt, den Text des Geheimnisses zu lesen - obwohl ich auch zur Diskretion angehalten bin, da ich durch das Geheimnis gebunden bin....285

       Wie haben auch das Zeugnis von Bischof Venancio, der damals der Weihbischof von Leiria-Fatima war, dass er Mitte März 1957 von Bischof da Silva beordert war, Kopien von allen Schriftstücken Schwester Lucias - einschliesslich des Originals des dritten Geheimnisses - dem Apostolischen Nuntius in Lissabon für den Transport nach Rom zu übergeben. Bevor er die Schriften von Schwester Lucia dem Nuntius überbrachte, blickte Bischof Venancio auf den Umschlag, der das dritte Geheimnis enthielt, während er ihn gegen eine Lampe hielt und sah, dass das Geheimnis “auf einem kleinen Blatt Papier niedergeschrieben” war.286 Frère Michel erkennt zunächst die Natur dieser Aussage:

       Dank der Enthüllungen von Bischof Venancio aber, damals Weihbischof von Leiria und mit diesen Ereignissen eng verbunden, haben wir nun mehrere zuverlässige Fakten, die wir nicht zu vernachlässigen gedenken. Ich selbst erhielt sie am 13. Februar 1984 in Fatima aus dem Mund von Bischof Venancio. Der ehemalige Bischof von Fatima wiederholte mir gegenüber über diese Sache fast wortwörtlich, was er zuvor schon P. Caillon, der darüber in seinen Vorträgen detaillierte Angaben gemacht hatte, gesagt hatte.287

       Hier ist nun, gemäss Frère Michel, die Aussage des Bischof Venancio:

Bischof Venancio erzählte, dass er, sobald er alleine war, den grossen Umschlag mit dem Geheimnis nahm und versuchte, durch ihn durchzusehen und den Inhalt zu erkennen. In dem grossen Umschlag des Bischofs konnte er einen kleineren erkennen, den von Lucia, und in diesem ein gewöhnliches Blatt Papier mit jeweils einem Dreiviertelzentimeter freigelassenem Rand. Er machte sich die Mühe, die Grösse von allem zu bemerken. So war das letzte Geheimnis von Fatima also auf einem kleinen Blatt Papier niedergeschrieben.288

       Das Manuskript der Veröffentlichung von BF besteht aber aus vier Seiten Papier. Hier stimmt doch etwas nicht.

4. Text no. 1 enthält 25 handgeschrieben Zeilen.

       Die Evidenz zeigt weiterhin, dass dieses einzelne Blatt Papier ca. 20-25 Textzeilen enthielt. In diesem Punkt stimmen die Aussagen von Schwester Lucia, Kardinal Ottaviani, Bischof Venancio, P. Alonso, Frère Michel und Frère François alle überein:

       ...Wir sind uns ebenso sicher, dass die zwanzig oder dreissig Zeilen des dritten Geheimnisses....289

       Das letzte Geheimnis von Fatima, auf einem kleinen Blatt Papier niedergeschrieben, ist also nicht sehr lange. Wahrscheinlich zwanzig bis fünfundwanzig Zeilen....290

       Bischof Venancio betrachtete “den Umschlag [mit dem dritten Geheimnis], während er ihn gegen eine Lampe hielt. Er konnte innen ein kleines Blatt entdecken, dessen genaue Grösse er nachmass. Daher wissen wir, dass das dritte Geheimnis nicht sehr lang ist, wahrscheinlich zwanzig bis fündundzwanzig Zeilen.”291

       Das in BF veröffentlichte Geheimnis aber enthält 62 Zeilen Text. Da stimmt schon wieder was nicht.

5. Text no. 1 war am 3. Jänner noch nicht bereit.

       Wie wir im 4. Kapitel gesehen haben, versuchte Schwester Lucia zum ersten Mal, den Text des dritten Geheimnisses im Oktober 1943 niederzuschreiben. Aber es war nicht vor dem 9. Jänner 1944, das Schwester Lucia die folgende Notiz an Bischof da Silva schrieb:

       Ich habe niedergeschrieben, worum Sie mich gebeten hatten; Gott wollte mich ein bisschen auf die Probe stellen aber schliesslich war das in der Tat Sein Wille: [der Text] befindet sich in einem versiegelten Umschlag und der ist im Notizbuch.292

       BF aber zitiert ein Dokument, das am 3. Jänner fertiggeschrieben wurde, wie Schwester Lucias Unterschrift unter dem Datum zeigt. Erzbischof Bertone sagt zudem: “Der dritte Teil des ‘Geheimnisses’ wurde ‘auf Anweisung Seiner Exzellenz, des Hochwürdigsten Herrn Bischofs von Leiria, und der Allerheiligsten Mutter...’ am 3. Januar 1944 niedergeschrieben.”

       Wenn man bedenkt, dass Schwester Lucia das dritte Geheimnis endlich nach einer Erscheinung der Gottesmutter niedergeschrieben hatte, warum würde sie Bischof da Silva nicht sofort informiert haben, wo sie doch die Bestätigung der Muttergottes hatte, dass es Gottes Wille war, dass sie es ausliefert? Warum würde die im Gehorsam geübte Schwester Lucia noch weitere sechs Tage warten und das nach einem himmlischen Befehl, bevor sie den Bischof informierte? Daraus können wir schliessen, dass der Text des dritten Geheimnisses vor dem 9. Jänner nicht bereit war, oder zumindest kurz davor.

       Zugegebenermassen ist dieser Schluss nur durch Umstände belegbar, aber die Fatimagelehrten müssen auf dieser Art Evidenz aufbauen, denn die Antifatimagruppe hat ja seit 1976 die Veröffentlichung von P. Alonsos Werk verhindert.

6. Verschiedene Daten für den Zeitpunkt, an dem der Papst das Geheimnis gelesen hat.

       Am 1. Juli 2000 berichtete die Washington Post:

       Am 13. Mai sagte der vatikanische Pressesprecher Joaquin Navarro-Valls, dass der Papst das Geheimnis innerhalb von Tagen nach seinem Amtsantritt 1978 zum ersten Mal gelesen hätte. Am Montag sagte ein Untergebener Kardinal Ratzingers, Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, dass der Papst es zum ersten Mal im Spital nach dem Attentat sah.293

       “Johannes Paulus II. las den Text des dritten Geheimnisses zum ersten Mal nach dem Attentat,” sagte ein hoher Untergebener Kardinal Ratzingers, Monsignor Tarcisio Bertone zu den Journalisten während einer Pressekonferenz in der das Dokument präsentiert wurde.294

       Erzbischof Bertone erzählt uns:

       Johannes Paul II. hat seinerseits den Umschlag mit dem dritten Teil des “Geheimnisses” nach dem Attentat am 13. Mai 1981 erbeten. Seine Eminenz, der Kardinalpräfekt der Kongregation Franjo Seper übergab am 18. Juli 1981 an Seine Exzellenz Msgr. Eduardo Martinez Somalo, dem Substituten des Staatssekretariats, zwei Umschläge: - einen weissen mit dem Originaltext von Schwester Lucia auf Portugiesisch; - einen weiteren orangefarbenen mit der Übersetzung des “Geheimnisses” auf italienisch. Am darauffolgenden 11. August hat Msgr. Martinez die beiden Umschläge dem Archiv des Heiligen Offiziums zurückgegeben.

       Diese Äusserungen sind sicherlich wahr und können miteinander übereinstimmen, wenn es zwei Dokumente gibt: 1978 las der Papst das Dokument mit den Worten der Muttergottes; und dann am 18. July 1981 las Seine Heiligkeit die vier Seiten mit der Beschreibung der Vision.

7. Der Text no. 1 brachte den Papst zur Weltweihe.

       Erzbischof Bertone informiert uns:

       Wie bekannt ist, hat Papst Johannes Paul II. sofort daran gedacht, die Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens zu weihen. Er selbst hat ein Gebet verfasst für diesen von ihm so genannten “Vertrauensakt,” der in der Basilika Santa Maria Maggiore am 7. Juni, dem Hohen Pfingstfest 1981, gefeiert werden sollte.

       Wie konnte Papst Johannes Paulus II durch das dritte Geheimnis motiviert werden, die Welt dem Unbefleckten Herzen Mariae am 7. Juni 1981 zu weihen, wenn er gemaäss Erzbischof Bertone das dritte Geheimnis erst am 18. Juli 1981 las, also sechs Wochen später?

       Wiederum können beide Aussagen miteinander vereint werden, wenn es zwei Dokumente gibt.

8. Text no. 1 ist ein Brief.

       Schwester Lucia selbst teilt uns mit, dass sie das dritte Geheimnis als Brief niederschrieb. Über diesen Punkt haben wir die schriftliche Aussage von P. Jongen, der vom dritten bis zum vierten Februar 1946 Schwester Lucia wie folgend befragte:

       “Sie haben bereits zwei Teile des Geheimnisses bekannt gemacht. Wann wird die Zeit für den dritten Teil kommen?” “Ich habe den dritten Teil in einem Brief an den Bischof von Leiria mitgeteilt,” antwortete sie.295

       Und dann haben wir die entscheidenden Worte des Kanonikus Galamba:

       Als der Bischof sich weigerte, den Brief zu öffnen, zwang ihn Lucia zu versprechen, dass er geöffnet und der Welt vorgelesen würde, entweder nach ihrem Tod oder 1960, was immer zuerst käme.296

       Im Februar 1960 erklärte der Patriarch von Lissabon:

       Bischof da Silva schloss den [von Schwester Lucia versiegelten] Umschlag in einen weiteren Umschlag ein, auf dem er notierte, dass der Brief 1960 von ihm, Bischof José Correira da Silva, selbst, falls er noch am Leben wäre, sonst vom Kardinalpatriarch von Lissabon geöffnet werden müsste.297

       P. Alonso sagt:

       Andere Bischöfe sprachen auch - und mit Autorität - über das Jahr 1960, als dem angezeigten Datum für die Öffnung des berühmten Briefes. Und so erhielt der damalige Titularbischof von Tiava und Weihbischof von Lissabon immer die gleiche Antwort, als er Lucia fragte, wann das Geheimnis eröffnet werden müsse: 1960.298

       1959 erklärte Bischof Venancio, der neue Bischof von Fatima:

       Ich denke der Brief wird nicht vor 1960 geöffnet werden. Schwester Lucia hatte darum gebeten, dass er nicht vor ihrem Tod oder vor 1960 geöffnet werden sollte. Es ist jetzt 1959 und Schwester Lucia erfreut sich bester Gesundheit.299

       In der zitierten Pressemeldung des Vatikans von 1960 ist auch von einem Brief die Rede. In BF wird der Text auch als Brief identifiziert, was aber nicht stimmen kann, denn er ist an niemanden adressiert, ist gegen die Gewohnheit in Portugal seit dem 18. Jahrhundert am Ende und nicht am Anfang datiert, ist weder von Schwester Lucia noch sonst jemanden unterschrieben. In den veröffentlichten Erinnerungen Schwester Lucias finden sich Kopien von von ihr geschriebenen Briefen. Diese Briefe haben alle einen Adressaten, ein Datum und ihre Unterschrift.

       Wir können daher auch erwarten, dass das eine Seite lange Dokument, das am 9. Jänner 1944 bereit war, ein an jemanden adressierter Brief ist (Schwester Lucia sagte zu P. Jongen im Februar 1946, dass sie es an den Bischof von Leiria sandte) und das mit ihrer Unterschrift.

       Hier ist es auch wichtig festzustellen, dass man Schwester Lucia die Wahl liess, ob sie das dritte Geheimnis in der Form eines Briefes oder in ihr Notizbuch schreiben wollte und dass sie sich entschied es in Briefform abzufassen. Am 17. Juni 1944:

       Die Seherin überreichte dem Bischof von Gurza diskret das Notizbuch, in das sie den Umschlag mit dem dritten Geheimnis gelegt hatte. Am selben Abend legte der Bischof den Umschlag in die Hände von Bischof da Silva.300

       Es ist durchaus möglich, dass das Notizbuch Schwester Lucias noch eine Anzahl weiterer Einzelheiten über das dritte Geheimnis enthält, die sie in der Zeit vom dritten bis zum neunten Jänner 1944 niederschrieb. Dabei könnte es sich um weniger wichtige Details handeln, die auf den erschreckendsten Teil des Geheimnisses, der am 9. Jänner niedergeschrieben wurde hinführen, nämlich die Erklärung des Geheimnisses in den eigenen Worten der Jungfrau.

       Ist es daher nicht völlig wahrscheinlich, dass die obskure Vision - der “leichtere” Teil des Geheimnisses - in dem Notizbuch niedergeschrieben wurde, während die eigentlichen Worte der Jungfrau - die einen schrecklichen Eindruck hinterliessen - in dem Umschlag versiegelt wurden, den Schwester Lucia in das Notizbuch legte? Es gibt keine andere vernünftige Erklärung dafür, warum Schwester Lucia dem Bischof das Notizbuch und einen Umschlag überreichte.

       Die, 26. Juni 2000 vom Vatikan veröffentlichten vier Seiten sind daher möglicherweise der Visionsteil des Geheimnisses, sicherlich aber nicht der einseitige Brief, der in dem Umschlag versiegelt worden war.

9. Der Text no. 1 wurde im päpstlichen Apartement aufbewahrt.

       Frère Michel erzählt uns:

       Wir wissen jetzt, dass der von Mons. Cento nach Rom geschickte wertvolle Umschlag nicht im Archiv des Heiligen Offiziums hinterlegt wurde, sondern dass Pius XII. ihn in seiner eigenen Wohnung aufbewahren wollte.

       P. Caillon erhielt diese Information von dem Journalisten Robert Serrou der sie von Mutter Pasqualina auf diesem Wege erhielt. Robert Serrou machte eine Photogeschichte für Paris-Match in der Wohnung Pius XII. Mutter Pasqualina - diese Frau mit gesundem Menschenverstand, die die Handvoll Schwestern, die die päpstlichen Haushälterinnen waren, dirigierte und manchmal von ihm vertrauliche Dinge erfuhr - war anwesend.

       Vor einem kleinen hölzernen Safe auf einem Tisch mit der Inschrift Secretum Sancti Officii, fragte der Journalist die Mutter: “Mutter, was ist in diesem Safe?” Sie antwortete: “Das dritte Geheimnis von Fatima ist da drinnen.” Die Photographie des Safes, die wir hier wiedergegeben haben, wurde eineinhalb Jahre später in Paris-Match veröffentlicht.301

       Die Photographie dieses Safes, in Paris-Match, No. 497, 18. Oktober 1958, Seite 82, wird hier gezeigt. Die Details des Zeugnisses Serrous wurden später in einem Brief, den er an Frère Michel am 10. Jänner 1985 schickte bestätigt: “Es stimmt genau, dass Mutter Pasqualina mir sagte, während sie mir einen kleinen Safe mit dem Etikett Secretum Sancti Officii zeigte: ‘Da drinnen ist das dritte Geheimnis.’”302

       BF aber erzählt uns, dass das dritte Geheimnis in dem Gebäude, indem sich das Heilige Offizium befindet aufbewahrt wurde: “Der versiegelte Umschlag wurde zunächst vom Bischof von Leiria aufbewahrt. Um das ‘Geheimnis’ besser zu schützen, wurde der Umschlag am 4. April 1957 dem Geheimarchiv des Heiligen Offiziums übergeben.”

       Wie schon in Punkt 6. gezeigt, enthält das Heilige Offizium eine schriftliche Aufzeichnung, dass Papst Johannes Paulus II. 1981 nach dem dritten Geheimnis fragte, aber es gibt keine Aufzeichnung, dass er 1978 das getan hätte, denn er hatte es nicht nötig, es war ja in seiner Wohnung.

       Diese Zeugnisses erhärten die Tatsache, dass es zwei Dokumente gibt, die in zwei verschiedenen Örtlichkeiten und zwei verschiedenen Archiven aufbewahrt werden.

10. Der Text no. 1 ist von 7-8 mm Rändern umgeben.

       Hier haben wir das bereits zitiert Zeugnis von Bischof Venancio, der die Sihouette des Textes vor einer starken Lampe prüfte und die Ränder auf dem Blatt Papier genau bemerkte.

       Die vier Seiten mit der Vision haben fast keinen Rand. Ein kleines aber vielsagendes Detail, das zu den anderen Ungereimtheiten gezählt werden muss.

11. Der Text no. 1 erklärt die Vision.

       In Schwester Lucias vierter Erinnerung lesen wir, dass während der Erscheinung der Muttergottes am 13. Juni 1917, nachdem Lucia sie gebeten hatte, die drei Seher in den Himmel zu holen, die Muttergottes antwortete:

       Ja, ich werden Jacinta und Francisco bald holen. Aber du wirst noch ein Weilchen länger hier bleiben müssen. Jesus möchte die gebrauchen, um mich bekannt und geliebt zu machen. Er will die Weltverehrung meines Unbefleckten Herzens begründen. Wer auch immer diese Verehrung annimmt, dem verspreche ich das ewige Heil.303

       Danach gibt Schwester Lucia eine Beschreibung der Vision, die ihr zuteil wurde, nachdem die Muttergottes die obigen Worte gesprochen hatte, Worte, die die Vision erklären.

       Während der Erscheinung am 13. Juli 1917 zeigt die Muttergottes den Kindern die Hölle. Und obwohl die Kindern wussten was sie sahen, so sagt die Dame trotzdem zu ihnen: “Ihr habt die Hölle gesehen.”

       Wenn die Muttergottes eine Vision vermittelt, dann erklärt sie sie auch.

       Im Gegensatz zu obigem bietet BF nur die Beschreibung einer Vision, die sichtlich einer Erklärung bedarf. Warum sollte die Muttergottes etwas so offensichtliches wie die Vision der Hölle erklären, aber kein Wort der Erklärung für die, vom Vatikan veröffentlichte obskure Passage?

       Hier muss man auch feststellen, dass unmittelbar auf die Worte “In Portugal wird das Dogma des Glaubens immer erhalten bleiben etc.” die Muttergottes zu Lucia sagte: “Erzähl das niemandem, ja du kannst es Francisco sagen.” Dieses “das” das Francisco gesagt werden kann, bezeiht sich auf das Lestztgesagte der Vision. Wäre es nur eine Vision gewesen ohne eine Erklärung, dann hätte man Francisco nichts sagen müssen, denn er hatte sie ja gerade gesehen. Wenn sich “das” aber auf zusätzliche Worte der Jungfrau als Erklärung der Vision bezieht, dann musste das Francisco aber gesagt werden, denn - wie wir wissen - konnte er die Muttergottes während der Erscheinungen in Fatima nicht hören.

       Man kann auch nicht plausibel argumentieren, dass das “du kannst es Francisco sagen,” sich bloss auf die Worte der Muttergottes im zweiten Teil des Geheimnisses bezieht. Diese Phrase folgt nämlich dem “etc.” Dieses “etc.” deutet dann die noch nicht niedergeschriebenen Worte an, die Lucia dem Francisco erzählen würde.

       Wenn nun die Muttergottes nichts gesagt hätte, um die Vision zu erklären, wäre das eine Ungereimtheit im Verhältnis zu ihrer Verfahrensweise davor. Nachdem nun das Lehramt der Kirche keine spezifische Interpretation des Geheimnisses vorschreibt und nachdem wir keine Spezialgnade erhalten haben, diese Vision von selbst zu verstehen, gibt es nun umsomehr Grund zu glauben, dass die Muttergottes die Vision des dritten Geheimnisses erklären würde. Und hier gibt es offensichtlich auch eine Notwendigkeit dür die Erklärung des Geheimnisses durch die Muttergottes selbst.

       Kardinal Ratzinger gibt in BF zu, dass sein eigener Kommentar nur ein Versuch einer Interpretation ist. Er bestätigt auch, dass eine spezifische Interpretation dem Geheimnis nicht aufgezwungen wird. Am 1. Juli 2000 berichtete die Washington Post: “Um einen Kommentar der Lesung der Vision durch den Papst gebeten, sagte Ratzinger, dass es ‘keine offizielle Auslegung’ gäber und der Text nicht Dogma sei.”304

       Kann es denn wahrscheinlich sein, dass die Jungfrau von Fatima den drei Kindern eine derart obskure Vision gegeben hätte, dass sogar der Präfekt der Kongregation für den Glauben nur einen 'Versuch' der Auslegung unternehmen kann, wenn der Rest der Botschaft von Fatima nicht nur völlig klar ist, sondern auch noch von der Muttergottes in all seinen visionären Aspekten mit ihren eigenen Worten erklärt wird - sogar die offensichtliche Vision der Hölle?

       Wir sind hier nicht nur mit Lügen konfrontiert, sondern mit ungeschickten Lügen. Die Muttergottes von Fatima sah diese Lügen sicherlich voraus und sorgte für eine ausreichende Erklärung der Vision, um sie zu bekämpfen. Die Gottesmutter würde so eine betrügerische Auslegung ihrer Botschaft nie stehen lassen. Das macht die Veröffentlichung der richtigen Interpretation der Vision umso notwendiger und die findet man - da sind wir uns moralisch sicher - in den auf das 'etc.' folgenden Worten.

Notes:

280 Mother Angelica Live, 16. Mai 2001.

281 Eine ausführliche Diskussion dieser Fakten findet sich in dem dritten Band des zitierten Werkes The Whole Truth About Fatima. Soviel wir wissen wurde die Authentizität und die Genauigkeit der Forschung dieses Buches nie in Frage gestellt. Der dritte Band alleine hat über 1150 Fussnoten, die alle möglichen Quellen zitieren. Auch diese Quellen und seine eigenen Zeugnisse wurden nie hinterfragt. So kann man Br. Michel auch als glaubhaften Zeugen erwähnen.

282 Br. Michel, III., p. 684.

283 Br. François, FTT, p. 45

284 Br. Michel, III., p. 725.

285 Ibidem, p. 727.

286 Br. François, FTT, p. 45.

287 Br. Michel, III., p.480.

289 Ibidem, p. 626.

290 Br. François, FTT, p. 45.

291 Bruder Michel de la Sainte Trinité, The Secret of Fatima... Revealed, (Immaculate Heart Publications, Buffalo, N.Y., 1986), p.7.

292 Br. Michel, III., p.47.

293 Bill Broadway und Sarah Delancy, “3rd Secret Spurs More Questions; Fatima Interpretation Departs From Vision,” The Washington Post, 1. Juli 2000.

294 “Vatican: Fatima Is No Doomsday Prophecy,” The New York Times, 26. Juni 2000.

295 Br. Michel, III., p. 470. Referiert wird auf: Revue Mediatrice et Reine, Oct. 1946, pp. 110-112. Hervorhebung durch den Autor.

296 Ibidem. Referiert wird auf P. Alonso, La Verdad sobre el Secreto de Fatima (Cientro Mariano, Madrid 1976), pp. 46f. Hervorhebung durch den Autor.

297 Ibidem. Hervorhebung durch den Autor.

288 Ibidem, p. 481. Hervorhebung durch den Autor.

298 Ibidem, p. 475. Referiert wird auf P. Alonso, La Verdad sobre el Secreto de Fatima (Cientro Mariano, Madrid, 1976), p. 46. Hervorhebung durch den Autor.

299 Ibidem. Hervorhebung durch den Autor.

300 Ibidem, p. 49.

301 Ibidem, pp. 484-486.

302 Ibidem.

303 Br. Michel, I., p. 159.

304 Bill Broadway und Sarah Delancy, “Third Secret Spurs More Questions; Fatima Interpretation Departs from Vision,” The Washington Post, 1. Juli 2000.

          

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